Wer im Winter in die Türkei reist, muss damit rechnen, dass es kalt wird. Der Himmel ist wolkenbehangen und die Temperaturen wenig über 10 Grad, oder, wenn es ganz dick kommt, schneit es sogar. „Cold Turkey“ – kalte Türkei: der Begriff kann allerdings auch „kalter Truthahn“ und noch einiges mehr bedeuten. - Wenn schon Kälte, warum dann nicht Istanbul? Die größte Stadt der Türkei, die nach einer gloriosen Geschichte als Hauptstadt des byzantinischen, römischen und osmanischen Reiches nun nicht mehr Hauptstadt sein darf, empfängt den Besucher wohl kühl aber voller Reize. Das vormalige Zentrum der orthodoxen Kirchen, die Hagia Sophia ist verlockend touristenleer. Ohne sich anzustellen kann man jetzt die „Schwitzende Säule“, deren Marmor ständig feucht ist, berühren, was gegen Augenleiden und Impotenz helfen soll. Der Grand Basar lässt sich erobern, ohne dass man sich gegenseitig auf die Füße tritt. Dort kann man jetzt Fotos schießen, bei denen nicht jedes Motiv mit Touristenmassen zugestellt ist. Und die arroganten Einlasser der sonst überfüllten Szene-Clubs schauen nun jeden Passanten erwartungsvoll, fast bittend an.
Regen kein Hindernis
Istanbul geht auch bei schlechtem Wetter. Wenn es regnet – im Winter regnet es häufig – kann man die Schauplätze der asiatischen und europäischen Geschichte der letzten zweieinhalbtausend Jahre im Original an sich vorüberziehen lassen oder auf orientalischen Basaren mit seinen mehreren tausend Geschäftsständen nach Silberschmuck oder süßen türkischen Freuden (Turkish Delights) suchen. Cafés laden ein zur Muße bei einem Tee oder einer Wasserpfeife. Dort zelebrieren die Einheimischen eine typisch orientalische Kunst: die Zeit an sich vorüberziehen lassen. Einfach in den blauen Rauch schauen und der Phantasie freien Lauf lassen, ist eine Fertigkeit, die vom geschäftigen Mitteleuropäer erst gelernt werden muss. Wenn es mal gerade nicht regnet, kann man für weniger als einen Euro den Kontinent wechseln. Der asiatische Teil von Istanbul kann zwar nicht mit solch berühmten Sehenswürdigkeiten wie der europäische aufwarten, aber sehenswert ist er allemal.
Das Nachtleben ist heiß!
Für den Abend gibt es keine bessere Beschäftigung als auf dem dem Istiklal Caddesi, einem großen Boulevard im nördlichen Stadtteil Beyoglu zu lustwandeln. Leuchtende Reklamelichter spiegeln sich in den Augen vergnügt und erwartungsvoll dahinspazierender Menschen. Das einzige, was sich hier auf Rädern bewegen darf, ist eine altertümliche Straßenbahn, die sich klingelnd durch die Passanten drängelt. Die Lawine von vergnügungssüchtigen Menschen, die sich den Boulevard entlang wälzt, strahlt eine Wärme aus, die die etwas kühleren Temperaturen vergessen lässt. Auch bei zehn Grad Celsius strahlt der Boulevard die Atmosphäre einer lauen Sommernacht aus.
Die Restaurant- und Nachtclubszene in den Seitenstraßen des Boulevards findet in Europa kaum ihresgleichen. Auch im Winter sind die zahlreichen Freisitze mit vergnügungssüchtigen Besuchern überfüllt. Ob man sich einen traditionellen türkischen Kebap, ein kontinentales Rumpsteak oder eine vegetarische Salatvariation wünscht, hier wird jeder fündig. Wer nicht nur auf gutes Essen aus ist, findet Clubs jeder Coleur: Jazz- Punk- oder Hardrockstampen finden sich an jeder Straßenecke. Und dass es im „James Joyce“, einem gut besuchten irischen Pub, nur um schwere Literatur geht, lässt sich eher bezweifeln.
Cold Turkey?
Ein regnerischer Winter in Istanbul ist nicht trauriger als der in irgendeiner anderen europäischen Stadt. Es kommt immer darauf an, was man daraus macht. Die Stadt bietet genug Abwechslung für den entdeckungsfreudigen Touristen. Wem partout nichts besseres einfällt, dem bleibt immer noch ein elegantes Abendessen im Fischerviertel Kumkapi oder ein Bierabend mit Blick auf die Blaue Moschee. Hierbei ist allerdings eines gewöhnungsbedürftig: der Bierpreis. So zahlt man schnell mal zwischen sechs und zehn Euro für einen halben Liter in einer unscheinbaren Kneipe. Wem das die Sache nicht wert ist, der kann sich immer noch für einen „kalten Entzug“ entscheiden. Der englische Name dafür ist: „Cold Turkey“.
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