Krumau – Český Krumlov: Puppenstübchen oder Touristenghetto?

Wollt ihr den totalen Tourismus?

Die Antwort hier ist Ja!!! Das kleine bildhübsche südböhmische Städtchen Český Krumlov braucht sich wegen Mangels an Touristen keine Sorgen machen. Das Gegenteil ist der Fall, es sind in der Regel zu viele da. Durch die unzähligen Gassen wälzt sich eine vergnügungssüchtige Menschenmenge und genießt den Anblick des bunt bemalten Burgturms, der die Kulisse der allermeisten Fotos ausmacht.

Burgturm von Český Krumlov
Blick auf den Burgturm von Český Krumlov

Das Örtchen ist wahrscheinlich ursprünglich von den Witigonen, einem böhmischen Adelsgeschlecht, gegründet worden, war über Jahrhunderte überwiegend von Deutschen bewohnt, die ihm auch den Namen gegeben haben: Krumme Aue, Krumau oder Böhmisch Krumau. Mit „krumm“ ist hier die malerische Flussschleife der Moldau gemeint, die den Ort umzieht und teilt. Die Altstadt liegt, ähnlich wie Bern in der Schweiz, innerhalb einer solchen Schleife und das Krumauer Schloss an deren äußerem Ufer. Über mehrere Jahrhunderte war die Stadt und das Schloss im Besitz der Familie von Rosenberg. Bis 1945 wurde es mehrheitlich von Deutschen bewohnt. Urkunden und Gegenstände im Museum erinnern noch daran. Die Stadt hat auch eine Website mit sehr umfassenden Informationen über ihre Geschichte.

Český Krumlov, Krumau im Überblick
Český Krumlov liegt in einer Flussschleife der Moldau.

Man spricht Englisch

Ich frage den Pensionsinhaber, ob er lieber deutsch oder englisch spricht: deutsch beeilt er sich zu antworten. Dies ist aber keine Selbstverständlichkeit mehr. Die jüngere Generation bevorzugt Englisch. Der Inhaber eines Restaurants, das am Fluss gelegen ist, scheint stolz auf seine Sprachbeherrschung zu sein, Er unterhält sich mit seinen amerikanischen Gästen so laut, dass es jeder hören kann. Wir suchen ein Restaurant, das böhmische Hausmannskost anbietet, wir träumen von einem Rindergulasch mit Knödeln. Nicht so einfach. Es gibt viele Italiener, zahlreiche Restaurants haben eine eher internationale Speisekarte. Ich sehe einen Aufsteller, der Vyprážaný syr,  ein tschechisch-slowakisches Gericht von überbackenem Käse anbietet. Den habe ich in sehr guter Erinnerung. Doch wir schaffen es nicht, ein Restaurant zu finden das beides, den Käse und Knödelgulasch gleichzeitig anbietet. Tschechische Traditionen sind offenbar etwas für Souvenirläden, weniger für Restaurants. Urböhmische heidnische Dämonen und Fabelwesen spielen hier weniger eine Rolle. Mit einem Hotelnamen wie „Merlin“, „Villa Harmony“ oder „Bellevue“ gibt man sich ein eher internationales und damit austauschbares Image.

Touristen sind allgegenwärtig

Bei aller Faszination, die die Architektur des Ortes bietet, ist die große Zahl der Touristen, die durch den Ort strömen, inzwischen ständiges Begleitwerk. Mit verschiedenen Aktionen, die schauspielerisch ein Alltagsleben imitierten, versuchte man deutlich zu machen, dass Český Krumlov keine „normale“ Stadt für ihre Bewohner mehr ist. Der österreichische Standard bedauert, dass die Stadt „nur eine Kulisse“ ist. Sicherlich ist das so, aber nirgendwo steht geschrieben, dass eine Stadt unbedingt ein normales Stadtleben haben muss. Sehr wahrscheinlich sind alle Beteiligte, Touristen und Bewohner damit einverstanden, dass dies so bleibt. Beide Seiten können gut damit leben, dass wir hier eine Mischung von Museum, Vermarktungsmeile und Rummelplatz haben. Die Gefahr liegt eher darin, dass dieses unverwechselbar hübsche Örtchen alle globaltouristischen Banalitäten wiederholt und so etwas von seinem, inzwischen tschechisch-böhmischen Lokalkolorit verliert.

Pubbenstübchen oder Touristenghetto?

Wie man den Besuch von Český Krumlov empfindet, hängt stark davon ab, was man von einem solchen Besuch erwartet. Wen die vielen Touristen nicht stören, der findet alles, was so an Urlaubsorten üblich ist: viele kleine Mode- und Souvenirläden, jede Menge Restaurants und Cafés und, nicht zu vergessen, die atemberaubende Kulisse der Flussschleife mit dem Schloss dahinter. Hier viel an originaler böhmischer Kultur zu finden, ist allerdings schwierig. Die Stadt ziel auf einen unkomplizierten und unprätentiösen Genuss-Tourismus für alle. Besucher, die sich dadurch bedrängt sehen, dass sich hier praktisch alles um den Tourismus dreht, werden ein gewisses Ghetto-Feeling nicht ganz unterdrücken können.

Tipps für den Besuch

Was kann man in Český Krumlov als Tourist alles tun? Stadtrundgang und Ausflug auf die Burg und Mantelbrücke sollte man sich unbedingt vornehmen. Es gibt einige interessante Museen, etwa das über Egon Schiele, der es in der Geburtsstadt seiner Mutter nur ein halbes Jahr ausgehalten hat. Das Regionalmuseum Krumau hat interessante Ausstellungen zur Stadtgeschichte und Umgebung. Man kann sich ein Boot ausleihen und die Stadt durch die Moldau-Schleife umfahren. Man durchquert  mehrere Wehre für die es zur Umfahrung ein Bootskanal gibt. Diese Kanäle sind mit Vorsicht zu genießen, vor allem, wenn man ein normales Paddelboot und kein Schlauchboot hat. Jeder vierte oder fünfte Bootsfahrer kippt nach der Kanaldurchquerung um und landet im Wasser. Auf Seiten der Zuschauer kann es amüsant sein, auf der Brücke zu stehen und  zuzusehen, wie sich die umgekippten Bootsinsassen retten (kaum gefährlich: die Moldau ist an diesen Stellen sehr flach, so dass man stehen kann).

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